Youtube-Experiment

Nach langer Zeit schreibe ich wieder einmal in meinen — mittlerweile fast zehn Jahre alten — „Willensfreiheitsblog“. Das Thema Willensfreiheit ist mir heute nicht mehr so wichtig wie früher, aber ich belasse es einfach einmal bei diesem Namen. Eigentlich hatte ich den Blog schon quasi aufgegeben, aber wieder etwas zu schreiben ist ein bisschen so, wie nach Hause zu kommen, wo man sich sicher fühlt.

In diesem Beitrag möchte ich eine kurze Bilanz meines Experiments mit meinem Youtube-Kanal ziehen, auf den ich im vorigen Beitrag hingewiesen habe. Es war ein etwa 3-monatiges Experiment, in dem ich Gesichtsvideos öffentlich geschaltet habe, und in denen ich das Zeitgeschehen auf eine Weise kommentierte, wie ich es in meinem unmittelbaren Umfeld nicht tun kann. Ich outete mich mit meinem Gesicht auf direkte Weise als „Dissident“. Dissidenten findet man inzwischen auf Youtube schon ziemlich viele, was auch wichtig ist. Wenn man die Videos auf Youtube durchsucht, scheint man mit einem großen Überangebot konfrontiert. Trotzdem ist des Anteil derjenigen, die sich öffentlich unabhängig äußern, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung verschwindend gering. Das Überangebot kann also gar nicht groß genug sein…

Jeder hat für sich selbst zu verantworten, wie weit er zu gehen bereit ist. Manche zeigen ihr Gesicht, andere nicht. Manche sprechen besonders heikle Themen an, andere halten sich damit eher zurück. Manche bieten ein breites Themenspektrum an, andere konzentrieren sich auf einen ganz bestimmten Themenbereich. Es ist ein Wagnis mit ungewissem Ausgang und es ist wichtig, sich sehr genau zu überlegen, was man in der Öffentlichkeit von sich preisgibt, und inwieweit man bereit ist, dafür auch persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen.

Zurück zu meinem eigenen Experiment. In den ersten drei Monaten lud ich zunächst einige Vidos hoch, in denen ich hauptsächlich auf politische Themen einging, was mich gerade beschäftigte. Ich bereitete mich auf die einzelnen Vidoes nicht allzu viel vor, und sprach in einer eher stockenden Weise, mit längeren Pausen zwischen den Wörtern. Ich merkte, wie schwer es mir fällt, über Dinge zu sprechen, über die wir von der Gesellschaft zu schweigen erzogen worden sind. Es ist, wie eine jahrelange, intensive Konditionierung zu durchbrechen (das Schreiben fällt mir da deutlich leichter). Da ich nicht viel für meinen Kanal warb, und wahrscheinlich auch wegen der nicht gerade flüssigen Sprechweise, waren die Klickzahlen gering, und Feedback gab es nur vereinzelt. Trotzdem hatte ich zunächst keine Probleme damit. Auch die Angst, von Freunden/Kollegen/Vorgesetzten entdeckt zu werden, konnte ich zunächst im Zaum halten. Erst vor ein paar Tagen setzte bei mir plötzlich ein starkes Unbehagen sein, sogar begleitet von körperlichen Symptomen (Nackenstarre). Ich verstand das als Signal, dass ich mich mit meinen Gesichtsvideos überfordert hatte, so dass ich die Videos wieder von der öffentlich Youtube-Liste genommen habe, bis auf zwei Audios, in denen ich mich nicht zeige. Lediglich ein Video mit dem Titel „Der Kampf gegen die Entmutigung, mit den Videos weiterzumachen“ habe ich wieder zugänglich gemacht, als Zeichen, dass ich diesen Kampf noch nicht aufgegeben habe. Allerdings bin ich darauf nur „hinter dem Vorhang“ zu sehen…

Vielleicht werde ich die Videos, die ich von der Youtube-Listung ausgeschlossen habe, hier nach und nach wieder auf diesem Blog verlinken. Mein Gesicht werde ich allerdings erst einmal nicht mehr zeigen. Auch neue Videos wird es sicherlich wieder geben. Videos haben sicherlich eine größere Reichweite — wer liest schon noch Blogs, vor allem, wenn sie in Tagebuchform geschrieben sind? Trotzdem ist mir jetzt klar geworden, dass ich meinen „Hauptauftritt“ wieder hier im Willensfreiheitsblog haben möchte.

Ach ja, herzlichen Dank an das Feedback eines Lesers, der mir riet, wieder zu meinen alten Themenbereichen Quantenphysik, Wissenschaft, Spiritualität/Religion/Esoterik (oder wie auch immer man das nennen soll) zurückzukehren, anstatt mich zu sehr in eine Rolle als „Dissident“ hinein zu manövrieren. Ich nehme diesen Ratschlag ernst: Warum soll ich nicht wieder das machen, wo ich gut bin, und den anderen das überlassen, wo sie besser sind?

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