Gnade oder Selbsterlösung?

Ich habe mein Pyramidenmodell vorerst auf Eis gelegt. Einige haben es völlig anders verstanden, als es gemeint war. Es besteht also noch Umbaubedarf. Ich sagte ja selbst, dass es noch sehr unausgegoren ist. Womit gemeint ist, dass es sich eher um eine Art Gedankenskizze handelt, für ein Gesellschaftsmodell, das mit den Dharma des Erhabenen SammaSamBuddha verinbar ist. Die Missverständnisse könnten auch durch Probleme mit meiner eigenen Ausdrucksweise verursacht worden sein, und ich muss nach anderen Wegen suchen, um mich verständlich zu machen.

Ich will einmal so beginnen: Alle Religionen dieser Welt kann man grob ist zwei Gruppen einordenen: Da gibt es auf der einen Seite diejenigen, die Erlösung duch Glauben und Gnade lehren. Die Gnade ist dabei als Geschenk zu verstehen, für das man nichts weiter tun muss — ja, sogar nicht weiter tun kann — als einen unerschütterlichen Glauben. Der bekannteste Vertreter dieses Typs ist das protestantische Christentum. Martin Luthers Grundsatz des „sola fide“ (lateinisch für „allein duch Glauben„) besagt, dass der Mensch hoffnungslos verloren und zur ewigen Hölle verdammt ist, es sei denn, er glaubt ganz fest daran, dass er durch Jesus Christus gerettet werden kann, dann würde das auch tatsächlich so geschehen. Die Möglichkeit, dass Jesus Christus einen auch dann rettet, wenn man nicht an ihn glaubt, wird in dieser Vorstellung explizit ausgeschlossen (also etwa, wie das Gesetz der Schwerkraft funktioniert, egal ob man daran glaubt, oder nicht).

An dieser Stelle bringe ich als kurzen Einschub eine kleine Anekdote, die mir eben gerade beim Schreiben eingefallen ist: Der dänische Physiker Niels Bohr, der in Dänemark als Nationalheld gilt, soll einen Hufeisen über der Eingangstür seines Hauses angebracht haben. Als ein befreundeter Wissenschaftler ihn einmal zu Hause besuchte, soll dieser empört gesagt haben: „Sag mal, Niels, du bist doch ein hoch angesehener, rational denkender Physiker, der sich der streng wissenschaftlichen Herangehensweise verpflichtet hat. Du glaubst doch nicht etwa an so einen Aberglauben, oder?“ Darauf soll Niels Bohr geantwortet haben: „Nein, aber ich habe gehört, dass es auch dann hilft, wenn man nicht dran glaubt!“ Nun, falls diese Geschichte wahr ist, können wir daraus also schon einmal schließen, dass Bohr offenbar kein Protestant war…

Am anderen Ende des Spektrums befinden sich die Selbsterlösungsreligionen. Diese lehren, dass man sich zu seiner eigenen Rettung auf nichts von außen verlassen soll, z.B. einen Gott, sondern seine eigene Erlösung ausschließlich aus eigener Kraft erreichen muss. Das Credo der Selbsterlöser lautet: Wir sind alle Gott, Schöpfer unserer eigenen Welt! Nun muss man wissen, dass viele christlichen Konfessionen, darunter die meisten protestantischen Strömungen, aber auch die Katholiken, eine „Selbsterlösung“ nicht nur als Unmöglichkeit ansehen, sondern so ziemlich als das Schlimmste was es gibt (kein Meschheitsverbrechen, und sei es auch noch so abscheulich, ist nach deren Vorstellung so schlimm wie eine versuchte Selbsterlösung). Die Protestanten bezeichnen diesen Frevel als „Werkgerechtigkeit“, und meinen damit den Versuch, durch eigene gute Taten in den Himmel zu gelangen. Damit schließen sie oft auch den Katholizismus mit ein, obwohl die Katholiken das mit ein paar Variationen eigentlich genauso sehen (klar, alle bezeichnen sich halt immer gegenseitig als Herätiker). Aber auch die großen monotheistischen Religionen Judentum und Islam werden oft zu den Werkgerechtigkeitslehren gerechnet, obwohl sie streng genommen keine Selbsterlösungsreligionen sind — sie vertrauen auf ihre Rettung durch einen Schöpfergott, als Lohn für das Einhalten von Riten und Geboten im irdischen Leben. Aber auch echte Selbterlösungslehren können theistisch sein, also einen Glauben an Gott mit einschließen, so wie etwa diverse christlich-gnostische Lehren oder die theistischen Lehren aus dem hinduistischen Kulturkreis. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, so nach dem Motto.

Sieht man sich die Spaltungen innerhalb der großen Religionen aber einmal genauer an, kann man erkennen, dass es durchaus Zwischenstufen gibt: Es gibt ein Kontinuum, mit der reinen Selbsterlösung auf der einen, und dem reinen Vertrauen auf Gnade auf der anderen Seite. Mit einem starren entweder-oder-Denken wird man der Sache nicht gerecht — mit sowas kann man mich jagen! Nehmen wir als Grundlage für eine genauere Analyse einmal eine Religion, die mir sehr nahe ist: Den Buddhismus. Dieser wird im Westen oft als Selbsterlösungslehre angesehen (wie wir gesehen haben, aus christlicher Sicht meist mit negativer Konnotation). Sicher, auf dem Weg des Dharma versucht man, durch Meditation, moralisches Handlen, und dem Erwerb von Weisheit, Nibbana zu erreichen. So wird es jedenfalls in der Theravada-Schule gehandhabt. Aber auch den Theravada-Buddhismus kann man nicht einfach so als reine Selbsterlösungslehre ansehen. Der Punkt ist nämlich, dass man als Ottonormalverbraucher den Weg zu Nibbana niemals allein finden kann. Das kann nur ein SammaSamBuddha, und man muss zu der Lehre eines solchen Zuflucht nehmen. Ja mehr noch, man benötigt nach dieser Vorstellung sogar einen Lehrer, der diesen Weg bereits gegangen ist. Also schafft man’s eben doch nicht so gaaaaaanz alleine…

Es gibt aber neben der Theravada-Schule noch jede Menge weitere buddhistische Schulen (die sich übrigens auch gerne gegenseitig beschuldigen, Herätiker zu sein. Ja, genauso wie wir es auch vom Christentum, dem Islam, und allen weiteren Weltreligionen kennen. Doch das nur so am Rande, und es ist nicht meine Absicht, mich hier an diesen Auseinandersetzungen zu beteiligen), die das volle Spektrum zwischen Selbsterlösung und Gnade abbilden. Das ist im Westen, wo der Buddhismus oft in dieselbe Schublade mit allen möglichen esoterischen und New Age Lehren gesteckt und damit vermischt wird, wahrscheinlich nur wenigen bekannt. Mein Internet-Freund Dave aus Texas ist Jodo Shinshu Buddhist. Er ist zu 100% davon überzeugt, dass er nach seinem leiblichen Tod in das reine Land kommen wird, dass vor Äonen von Amida Buddha (ein SammaSamBuddha, der in einem vergangegen Zeitalter lebte) geschaffen wurde. Und zwar ausschließlich durch Glauben und die Gnade Amidas, weil er sich außerstande sieht, durch Eigenleistung Erleuchtung zu erlangen. Kommt den Protestanten unter uns das nicht irgendwoher bekannt vor? Also nix da mit Selbsterlösung!

Dave wuchs in einer missbräuchlichen „Southern Baptist“ Familie auf und versuchte verzweifelt, die Hilfe und Gnade durch Jesus Christus zu bekommen, vergeblich. Später wandte er sich vom protestantischen Christentum ab, wurde erst Katholik, dann Atheist, wandte sich dann allen möglichen New Age Lehren zu, aber es wurde immer schlimmer. Erst als er zum Jodo Shinshu kam und sein karmisches Schicksal völlig in die Hände Amida Buddhas abgab, fand er Frieden und ist sich seitdem sicher, dass Amida ihn gerettet hat.

Soviel also zu dem Vorurteil, der Buddhismus sei eine reine Selbsterlösungsreligion, das man im Westen so häufig hört. In Wirklichkeit ist jede, wirklich jede Religion ein Zwischending aus Selbsterlösung und Gnade. Als ob es selbst in der härtesten Lutherschen „sola fide“-Schule anders sei! Sie behaupten zwar, dass allein der Glaube, und keine Werke nötig seien, wenn man sich aber anhört, was diese Leute von ihren Anhängern verlangen, bekommt man einen ganz anderen Eindruck! Was da alles von den Gläubigen verlangt wird, um in den Himmel kommen zu können (und, was in deren Vorstellung gleichbedeutend ist: Um von der ewigen Hölle gerettet werden zu können), geht auf keine Kuhhaut! Man muss regelmäßig beten, man muss missionieren gehen, man muss mehrmals die Bibel komplett durchgelesen haben (einmal reicht angeblich nicht), man muss etliche Sittlichkeitsregeln einhalten, man muss sich dazu zwingen, einen schwerst psychisch gestörten, missbräuchlichen Schöpfergott toll zu finden, und und und… Wie der 🙏WEG DER MITTE🙏 jenseits von reiner Gnade und reiner Selbsterlösung aussehen könnte, möchte ich in einem Folgebeitrag näher erläutern.

Wenden wir die bisherigen Überlegeungen doch einmal auf eine heiß diskutierte politische Streitfrage an: Das bedingungslose Grundeinkommen. Also der Idee, dass eine übergeordnete Struktur — überlicherweise als „Staat“ bezeichnet — jedem Menschen ein Einkommen zu Verfügung stellt, unabhängig davon, ob dieser Mensch arbeiten geht, oder sonst irgend eine Leistung vollbringt. Die Befürworter gehen davon aus, dass es natürlicherweise eine solche Versorger-Struktur geben müsse, um auch denjenigen ein würdiges Leben ermöglichen zu können, die nicht in der Lage sind, sich selbst aus der Abhängigkeit von anderen zu befreien (will heißen: Sich selbst versorgen zu können): Alte Menschen, kranke Menschen, einsame Menschen, Menschen, die viel Pech im Leben hatten, Menschen, die in missbräuchlichen Beziehungen leben, Menschen, die nicht genügend Erfahrungen gemacht haben (sprich: Kinder). Die anderen, selbständigen, die das sehr wohl können, dürften dann davon ausgenommen werden. Diese Befürworter könnte man dann, um die oben genannten Gedanken über die Religionen als Analogie zu verwenden, ale Vertreter der Gnadenreligionen ansehen.

Die Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens könnte man dem gegenüber mit den Vertretern der Selbsterlösungslehren in Verbindung bringen. Sie befürchten, dass die Menschen dadurch in eine Abhängigkeit von dieser übergeordneten Struktur geraten würden, die dann ihrerseits ihre Macht missbrauchen würden. Sie glauben, dass wir eine Gesellschaft anstreben sollten, in der alle Menschen zu 100% souverän und selbstbestimmt sind. Zu dieser Fraktion gehören z.B. die meisten Libertären. Natürlich wäre das der beste denkbare Idealzustand, und auch die Befürchtungen, die diese Gegner äußern, sind teilweise berechtigt. Ich halte es aber für realistischer, dass es nicht alle Menschen schaffen werden, vollständig selbstbestimmt zu werden, was dann auch keine Schande sein sollte. Eine natürliche Autorität oder Hierarchie wäre ein bessere Lösung. Falls es so etwas existiert. Wovon ich allerdings ausgehe!

Namo Amida Bu 🙏

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