Seelenwanderung und Lügenmedien

Im Gegensatz zu manchen Anhängern eines spirituellen „Nondualismus“ bin ich Vertreter eines knallharten Geist-Materie-Dualismus (viele werde hier wahrscheinlich schon zu lesen aufhören). Natürlich müssen Geist und Materie irgendwo auf einer höheren Ebene trotzdem miteinander verknüpft sein, aber bevor man dazu irgend etwas aussagen kann, halte ich es für sinnvoll, diese beiden Gegensätze erst einmal getrennt zu betrachten. Dem heutigen Mainstream-Menschen ist dabei der Bereich der Materie wesentlich geläufiger. Unsere Körper, sowie die Körper aller anderen Lebewesen der Erde, die Erde selber, bis hin zu allen Sternen und Himmelskörpern des Universums, so glauben wir, bestehen aus Materie. Die moderne Naturwissenschaft seit Isaac Newton war sehr erfolgreich, die Struktur und Umwandlung der Materie immer besser aufzuschlüsseln, und so besitzen wir heute unvorstellbar viel mehr Wissen über das materielle Universum als jede andere menschliche Zivilisation vor uns.

Es gab und teilweise gibt jedoch Kulturen, die sich für die materielle Welt nur wenig interessierten, die sich aber statt dessen auf die Erforschung des Geistes spezialisiert haben. Dazu haben sie verschiedene, teils ziemlich unterschiedliche Methoden entwickelt: Von langen Meditation in Klostern und Tempeln, über das Einnehmen bewusstseinserweiternder Pflanzen- und Pilzgifte, bis hin zu endlosen gregorianischen Gesängen reichte die Palette. Den Überlieferungen zufolge gewannen sie dabei Wissen über Seelenwanderungen, außersinnliche Wahrnehmung, jenseitige Welten, die Sphären der Götterwelt und der erleuchteten Wesen, den Sinn des Universums, und ähnliche Dinge, die eindeutig dem Bereich des Geistigen, und eben nicht des Materiellen zuzuordnen sind. Diesen Kulturen fehlte zwar unser heutiges Wissen über die physikalische Welt, aber sie waren Experten auf dem Feld des Geistes. Unsere Kultur dagegen ist auf diesem Wissensfeld weitgehend verkümmert, denn niemand (oder sagen wir besser: kaum jemand) kann die oben genannten Methoden mehr anwenden: Ein moderner Mensch, der nicht einmal mehr für 5 Minuten von seinem Smartphone lassen kann, kann keinen monate- bis jahrelangen Aufenthalt in einem abgeschiedenen Kloster überleben; bewusstseinserweiternde Drogen sind verboten; und singen können auch immer weniger Menschen. Aus Ersatz wurden seither die Methoden der materialistischen Naturwissenschaft fataler Weise auf Bereiche ausgeweitet, die eigentlich dem Einzugsgebiet des Geistes angehören sollten: Nehmen wir z.B. die Psychologie, die Kosmologie, die Hirnforschung, die Sprachwissenschaft, aber auch die Politik- und Wirtschaftswissenschaft. Diese Wissensfelder wurden dadurch des Geistes beraubt und immer weiter verwässert.

Nennen wir einmal ein Beispiel für eine Kultur, die sich praktisch ausschließlich auf den Geist spezialisiert hat: Tibet. Meines Wissens nach haben die tibetischen Buddhisten viele Wörter mit subtil unterschiedlichen Bedeutungen, die sich im Deutschen allesamt am besten mit dem Wort „Geist“ übersetzen lassen; so ähnlich wie viele Eskimovölker viele verschiedene Wörter für „Schnee“ haben: Ein Hinweis darauf, womit sie sich die betreffende Kultur am besten auskennen. Die Tibeter haben ihre „Forschungsergebnisse“ über die Funktionsweise des Geistes und die Wanderung der Seele durch verschiedene Leben und Welten, die sie in tiefen Meditationen erhielten, in vielen Büchern publiziert, von denen eines der populärsten das sog. Tibetische Totenbuch (TT) ist. Ob das, was dort darüber, was mit der Seele nach dem Tod passiert, steht, stimmt, wie z.B. das Eintauchen in einen Zwischenzustand, Wiedergeburt in einem neuen (menschlichen bzw. tierischen) Körper usw., können wir mit der uns heute zur Verfügung stehenden Naturwissenschaft nicht nachprüfen: Da jene die Seele des Menschen nur bis hin zu den physikalischen Prozessen im materiellen Gehirn kennt, das bekanntlich mit dem Tod stirbt, hat sie zu den jenseitigen Sphären, wie sie im TT beschrieben werden, keinen Zugang. Die naturwissenschaftliche Methode hat ihre Grenzen. Sie kann — wahrscheinlich prinzipiell — nicht erklären, wo Bewusstsein herkommt, obwohl es dieses zweifellos gibt. Das erwarte ich aber auch nicht von ihr, weil ich es nicht für ihre Aufgabe halte.

Falls die alten Tibeter tatsächlich eine Methode zur Verfügung hatten, um Seelenwanderung zu erforschen, würde ich umgekehrt auch nicht verlangen, dass diese Methode auf Bereiche anwendbar sein muss, die ihrerseits von der Naturwissenschaft erforscht werden können. So, wie die heutige Naturwissenschaft zu einem Großteil der im TT aufgestellten Behauptungen keinen Zugang hat, so hatten umgekehrt die alten Tibeter keinerlei Vorstellung von der uns heute zugänglichen naturwissenschaftlichen Methodik. So sind z.B. im TT aus heutiger Siche völlig falsche Erklärungen über die Entwicklung des menschlichen Embryos, aber auch über die geographischer Lage der Kontinente, auf denen Seelen wiedergeboren werden können, gegeben. Unter http://www.bodhibaum.net/bardo/bardo-teilIII.htm heißt es:

Die Schilderung der embryonalen Phase folgt den klassischen indischen Vorstellungen. Danach wird nicht die Gestalt des Embryo beschrieben, sondern die Konsistenz seines Körpers (Dünnflüssigkeit, Dickflüssigkeit) festgehalten. Es schien mir nicht gerechtfertigt, diese Vorstellung gegen die im Westen übliche auszutauschen und damit den ursprünglichen Inhalt des Textes zu verändern.
Ähnliches gilt für die Schilderung der verschiedenen Kontinente, in die der Tote bei der Suche nach einem neuen Körper eintreten mag. Es sind dies nicht die Kontinente, wie sie im Westen bekannt sind, sondern Welten-Kontinente, die durch ringförmige Meere voneinander getrennt sind. Zum Verständnis des Bardo-thödol ist es nicht nötig, hierbei länger zu verweilen. Man muß sich nur vor Augen halten, daß dies Elemente sind, die dem Weltbild des klassischen Indiens angehören. (Vgl. dazu: W. Kirfel: Die Kosmographie der Inder, Bonn 1920.)

Ich sehe keinen Grund, warum die Tibeter durch reine Introspektion in der Lage gewesen sein sollten, Wissen über die Kontinente zu erlangen. Dazu braucht man eine weltumspannende Seefahrt, astronomisches Wissen (zur Bestimmung des geographischen Breitengrades) und ziemlich genaue Uhren (zur Bestimmung des Längengrades). Nichts davon hatten die Tibeter zur Verfügung. Ähnliches gilt für das Wissen über die Gestalt eines menschlichen Embryos: Dazu braucht man entweder Ultraschall oder Kernspintomographie, oder man muss den Embryo töten und aus dem Mutterleib herausnehmen. Letzteres hätten die Tibeter wohl wegen ihres Glaubens abgelehnt. Da sie dieses Wissen also nicht anderweitig bekommen konnten, beriefen sie sich auf die damals verfügbare indische „Wissenschaft“. In meinen Augen ist das durchaus legitim.

Nun kann man jedoch — zu Recht — einwenden, dass nachprüfbar falsche Aussagen über die materielle Welt in alten Schriften wie dem TT ihre Glaubwürdigkeit herabsetzen: Wenn dort Theorien zu finden sind, die mittels der heutigen naturwissenschaftlichen Methodik als falsch erkannt werden können, so wäre auch die Glaubwürdigkeit jener Schriften über jene (geistigen) Bereiche, zu denen die Naturwissenschaft keinen Zugang hat, erschüttert — oder zumindest herabgesetzt. Werner Spat schreibt gar auf seinem Blog:

Wer überprüfbar lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er mal unüberprüfbare Wahrheit spricht.

Zum einen ist es meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt, von einer Methode des Wissenserwerbs zu verlangen, dass sie auf alle denkbaren Sorten von Wissen — ob geistiger oder materieller Natur — anwendbar sein soll; ich glaube auf der anderen Seite auch viele Aussagen der materialistischen Hirnforscher über die physikalischen Prozesse im Gehirn, obwohl deren Erklärungen über die Funktionsweise des Geistes völlig gaga sind. Und zum anderen würde ich den alten Tibetern nicht unterstellen, dass sie zur Entwicklung des Embryos oder zur Geographie der Erde absichtlich gelogen haben. Sie konnten es mangels der uns heute zugänglichen naturwissenschaftlichen Methodik eben einfach nicht besser wissen.

Was hat das ganze jetzt mit den Lügenmedien zu tun? Nun, auf sie trifft Werner Spats Satz zweifellos zu: Sie haben wiederholt nachweisbar gelogen, und deshalb glauben ihnen immer mehr Menschen selbst dann nicht mehr, wenn sie ab und an einmal die (unüberprüfbare) Wahrheit schreiben. Persönlich würde ich jedenfalls dem tibetischen Totenbuch trotz der heute bekannten Fehler 1.000.000-mal mehr Glauben schenken als der BILD-Zeitung, und immerhin 1000-mal mehr als der ZEIT, der FAZ und der Süddeutschen.

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Mein besonderer Dank geht an Werner Spat und an Michael Klinneter, die mich ermutigten, über dieses Thema zu schreiben.

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