Luzifer

Unsere Kultur und Moralvorstellungen sind bekanntlich auf der Bibel begründet. So wird es uns zumindest von gewissen Leuten gesagt. Die heilige Schrift des Christentums beginnt mit der Erschaffung der Welt, einschließlich des Menschen, und schlägt ein Erklärungsmodell vor für die Frage, warum wir uns als Individuen und als Menschheit als Ganzes in dem Schlamassel befinden, in dem wir uns nun mal befinden. Gemeint ist die Geschichte vom Sündenfall und von Adam und Eva im Paradies.

Was diese Geschichte betrifft, muss man jedoch deutlich unterscheiden zwischen den reinen Tatsachenberichten der Ereignisse, die damals angeblich stattgefunden haben sollen, und der Interpretation, die uns von Pfaffen, Priestern, Bibellehrern, und Scharlatanen aller Art mitgeliefert wird. Fassen wir also zunächst einmal also ganz nüchtern die bloßen Tatsachen knapp zusammen, von denen am Anfang des Buches „Genesis“ berichtet wird: Nachdem Gott der HERR die Eva aus einer Rippe des Adam geschaffen hatte, und sie gemeinsam eine nette Zeit im Garten Eden verbracht hatten, kam eine sprechende Schlange und ermutigte die Eva, einen Apfel vom Baum der Erkenntnis zu essen. Auf Evas Einwand, dass der CHEF genau dies zuvor verboten habe, unter Androhung der Todesstrafe, antwortete die Schlange mit den berühmt-berüchtigten Worten (Gen. 3,1): „Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von den Früchten der Bäume im Garten?“ Und das mit der Todesdrohung sei auch nicht so ernst gemeint vom CHEF. Nach ein bisschen weiterer Überredungsarbeit schaffte es die Schlange, Eva dazu zu bewegen, den Apfel zu essen. Und wie Frauen nun mal so sind (Entschuldigung, das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen…), überredete diese dann auch gleich noch ihren Mann, ebenfalls ein Stück zu davon essen.

Und tatsächlich — so wie die Schlange zuvor versprochen hatte, gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten was gut und böse ist. Der CHEF schöpfte jedoch recht bald Verdacht und fragte die Eva (Gen. 3,13): „Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich also, daß ich aß.“ An dieser Stelle möchte ich auf ein kleines, aber möglicherweise nicht unbedeutendes Detail aufmerksam machen: Wie man z.B. auf der Webseite bibeltext.com nachprüfen kann, leitet sich das hebräische Wort, das Luther mit „betrog“ übersetzte, aus dem Wortstamm „nasha“ (נָשָׁא) ab, und bedeutet ursprünglich auf englisch „to lend on interest, be a creditor“, oder auf deutsch: „ein Kreditgeber sein, bzw. etwas für Zins verleihen“.

Quelle: https://bibeltext.com/interlinear/genesis/3-13.htm

Die richtige Übersetzung von Evas Antwort sollte also anstatt „Die Schlange betrog mich“ vielmehr heißen: „Ich habe mich bei der Schlange verschludet„. Schon gewusst? Dabei ist es ja wohl gar nicht mal so uninteressant zu wissen, dass sich Adam und Eva bei ihrem vielzitierten „Sündenfall“ eigentlich bei der Schlange verschuldet hatten, und nicht, wie gemeinhin angenommen, bei Gott JHWH!

Kommen wir nun also zur Interpretation dieses uralten Kalauers. Der Kanckpunkt dabei ist vor allem der oben Satz, der der Schlange in den Mund gelegt wird, hier noch einmal zur Wiederholung:

Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von den Früchten der Bäume im Garten?

(Schlange in Gen. 3.1)

Die gemeinhin bekannteste ist die monotheistische Interpretation im Judentum und Christentum, wahrscheinlich auch im Islam (wo ich mich allerdings weniger gut auskenne): Hier ist die Schlange böse, und wird oft mit dem Satan, dem Widersacher Gottes, gleichgesetzt. Die Schlange möchte die Menschen vom Gehorsam gegenüber Gott JHWH abbringen, mit verführerischen New Age Lehren, die durch einen Apfel symbolisiert werden. Der schwache Mensch ließ sich verführen, rebellierte gegen Gott, und fiel in Sünde.

Manche Christen setzen die Schlange auch mit Luzifer, dem „Lichtbringer“, gleich, jenem gefallenen Engel, der eigentlich nur an einer einzigen Stelle in der Bibel erwähnt wird, nämlich in Jesaja 14,12. Nur in englischen Bibelübersetzungen heißt er dort „Lucifer“, in der deutschen Lutherübersetzung heißt er der „schöne Morgenstern“ — nebenbei bemerkt ist es angesichts der Tatsache, dass Luzifer im Christentum als böse gilt, allerdings auch interessant, dass auch Jesus sich selbst laut Offb 22,16 als den „leuchtenden Morgenstern“ bezeichnet. Auch mit dem Satan, dem Widersacher, wird Luzifer oft gleichgesetzt — auf welcher Grundlage auch immer.

Luzifer bringt uns wieder zurück zum Thema. Es gibt nämlich neben der erwähnten christlich-jüdisch-monothesitischen Deutung der Adam-und-Eva-Story noch eine weitere Deutung, die das genaues Gegenstück darstellt, und die üblicherweise als Luziferianismus bezeichnet wird.

Die Luziferianer haben die monotheistische Interpretation einfach umgedreht: Hier ist die Schlange die Gute, weil sie den Menschen Weisheit bringen will, und Gott JHWH ist der Böse, weil er genau das verhindern will: Er will nur dumme Schafe, die ihm blind gehorchen. Was die Schlange dieser Auffassung nach mit dem zitierten Satz „sollte Gott gesagt haben…“ zu Adam und Eva sagen will, ist so etwas wie: „Jetzt seid doch mal nicht so dogmatisch! Ihr müsst nicht immer alles gleich wortwörtlich zu nehmen, was der große PAPA euch sagt. Das kann man doch auch anders sehen! Seid doch mal ein bisschen kreativ, und werdet langsam mal erwachsen!“ So oder ähnlich. In einer luziferischen Spiritualität gibt es demnach auch keine absolute Wahrheit: Wahrheit ist dieser Vorstellung nach subjektiv und individuell, genauso wie gut und böse. Kein Wunder, dass der Luziferianismus deshalb von religiösen Fundies als böse und satanisch angesehen wird, und ja, teilweise auch zu Recht! Auch Palpatine (der spätere Imperator) lehrte in Star Wars Episode 3 seinen Schüler Anakin Skywalker (den späteren Darth Vador): „Das Gute hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab“, um ihn auf die dunkle Seite der Macht zu ziehen. Und ja, Palpatine war böse!

An dieser Stelle erlaube ich mir einmal, den Blogger Steven Black als Beispiel für einen bekennenden Vertreter luziferischer Spiritualität zu nennen. Lesenswert und sehr amüsant geschrieben ist, neben anderen Beiträgen, seine Kurzgeschichte „Luzifer bei der Inkarnationsberatung“. Unter vielen von Stevens Blogartikeln steht ein

Disclaimer: Nichts was du hier liest, ist DIE Wahrheit. Es ist meine Wahrheit, meine Wahrnehmung und wie ich die Dinge sehe – jetzt, in diesem Moment.

Da haben wir’s wieder: Jeder hat seine eigene Wahrheit! In dieser Art von Spiritualität ist alles möglich: Ein bisschen Psychotherapie, ein bisschen Traumaaufarbeitung, ein bisschen Reinkarnationsglaube: Ich will das jetzt auch nicht alles schlecht machen, und ich gehöre bestimmt nicht zu denen, die immer gleich „Satanismus“ schreien und überall Dämonen am Werk sehen. Klar ist aber trotzdem , dass eine rein luziferische Spiritualität auch einen Extremweg darstellt, und zwar das polare Extrem zu einem dogmatischen, religiösen Fundamentalismus, mit einer absoluten und unverrückbaren Wahrheit, die in einem alten Buch geschrieben steht. Irgendwo hat Steven mal geschrieben, dass Spiritualität für ihn in erster Linie Erwachsenwerden bedeutet — also ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Ja, das ist sicherlich ein wichtiger Aspekt. Es gibt aber auch noch einen anderen Aspekt, der meiner Überzeugung nach mindestens genauso wichtig ist: Die Wahrheitssuche! Aber für die luziferianischen Systemlinge ist Wahrheitssuche nur Verschwörungstheorie, und sie haben dafür nur Hohn und Spott übrig.

Um kurz zusammen zu fassen: In diesem Beitrag ging es um zwei gegensätzliche Interpretationen der biblischen Sündenfallgeschichte, zum einen die monotheistische, und zum anderen die luziferianische. Dazu lässt sich feststellen, dass der Luziferianismus, im Vergleich zum Bibelfundamentalismus, nur die andere Seite der Medaille ein- und derselben Bibelmatrix darstellt. Es ist der gleiche Mist in grün, könnte man sagen. Als Buddhist glaube ich, dass es letztendlich nur eine einzige, zeitlose Wahrheit gibt, und dass es diejenige ist, die die Buddhas gelehrt haben. Sie lehrten den WEG DER MITTE, jenseits von einem dogmatischen Fundamentalismus, aber auch einer alles-ist-möglich-Ideologie. Sie lehrten Überwindung allen Leidens durch moralisches Handlen (sila), Meditation und Introspektion (samadhi), und Weisheit (panna), mit dem Ziel Nibbana 🙏

5 Gedanken zu “Luzifer

  1. … dass der Kanzler Kurz …

    a) die Information am Bürger bezüglich bevorstehender Reformen et cetera perge, perge mittels Zwang durch Budgetentzug in Richtung der informationspflichtigen Institutionen, aber auch der eigentlich informationspflichtigen Medien gleich nach der ersten Wahl untersagt hat

    b) schon während des Vorganges des ersten Regierungsscheiterns erklärt hat, dass eine Alleinregierung am besten sei (Narzissmus ausgeprägtester Form [sic!])

    c) in Bezug auf die jedem Staat angedrohten Strafen wegen verfehlter Emissionen den EU-Granden knapp vor Beginn des Ausbruchs des Corona-Virus versichert hat, dass die österreichische Bundesregierung der EU schon zeigen werde, wie man das CO2-Problem in den Griff bekomme

    d) kurz vor der Corona-Krise zu erkennen gegeben hat, dass danach alles anders aussehen wird, aber die Bürger nicht darüber aufgeklärt hat, was da im Hinterzimmer schon verabschiedet worden ist (andererseits könnte er darüber nicht Bescheid gewusst haben bzw. Bescheid wissen)

    PS: Dass man aber auch immer was vergessen muss. Besonders bezüglich der Kongruenz von Spiegelsätzen.

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