Weg der Mitte

Darüber habe ich letztens schon mal kurz etwas geschrieben, aber ich erachte das Thema als so wichtig, dass da noch mehr dazu gesagt werden muss. Der Weg der Mitte ist eine Lehre aus dem Buddhismus und ist etwas, was im westlichen Kulturkreis meinem Empfinden nach viel zu kurz kommt. Oft wird das Bild eines Lautenspielers verwendet: Wenn die Saiten der Laute zu stark angespannt werden, reißen sie. Wenn sie zu lasch angespannt sind, kommt kein Ton aus der Laute. Nur, wenn die Saiten stark genug angespannt werden, dass sie schwingen können, aber nicht zu stark, damit sie nicht reißen, kann man auf der Laute Musik spielen.

Aufhänger meines heutigen Blogeintrags ist, dass die Diskussion aus dem vorherigen Beitrag (Thema Gendermainstreaming und Christentum) doch noch kurz weiterging. Der Kommentarschreiber Felix Späth antwortete mir:

Die Vorstellung, dass geschlechterspezifisches Verhalten anerzogen sei, ist aus meiner Sicht in vielen Fällen geradezu offensichtlich. Ich empfehle hierzu folgenden Beitrag, der dies auf frappierende Weise deutlich macht:

https://youtu.be/nCYP9Nxw2s4

Vor diesem Hintergrund ist ein bewusster Umgang mit diesen Klischees sehr wichtig. Ansonsten bedroht dies unser aller Freiheit und die Entwicklung unserer Kinder.

Zur Sprache: Ich befürworte sicher nicht alles. Aber dass diese Fragen diskutiert werden müssen, finde ich richtig und wichtig, weil die bisherige Sprache letztlich Ausdruck einer patriarchalen heteronormativen Kultur ist, die die Mehrheit der Menschen (insbesondere: Frauen!) nur unzureichend repräsentiert.

Und Nein, das wird nicht „von oben“ verordnet. Was soll diese Aussage in einer Demokratie eigentlich bedeuten? Die Entwicklungen sind vielmehr im Ausgangspunkt aus der Zivilgesellschaft, also von „unten“ entstanden. Zum Beispiel die „Ehe für alle“ macht dies deutlich. Ohne den jahrzehntelangen Kampf von „unten“ hätten wir sie noch immer nicht, würden wir gleichgeschlechtlich orientierten Menschen noch immer ohne Grund ein Menschenrecht vorenthalten.

Herrn Kutschera kann ich nach seinen völlig verrückten und menschenverachtenden Äußerungen zur Ehe für alle nicht mehr ernst nehmen. Die Aussage, damit werde von Seiten des Staates Pädophilie gefördert, ist schon in sich widersprüchlich und bewegt sich auf dem Niveau von Herrn Latzel. Überdies begeht er ständig den Fehler, aus einem vermeintlichen Sein ein Sollen zu schließen. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass Atheismus allein nicht reicht.

Meine Antwort darauf:

Na gut, dann kommen wir da eben nicht zusammen. Bisschen traurig macht mich nur, dass es da anscheinend nur noch zwei Standpunkte gibt, entweder

  • Bibelfundamentalismus mit Verteufelung aller Andersdenkender, oder
  • Linksliberal, gegen „rechts“, für Abtreibung, für Gendermainstreaming, für „Ehe für alle“, usw.

Wenn man wie ich den Weg der Mitte geht, steht man recht einsam auf weiter Flur. Aber im Prinzip kann’s mir ja wurscht sein. Ich glaube, ich lehne mich von jetzt an nur noch zurück mit ner Tüte Chips und nem Bier und schau mir an, welche Seite gewinnen wird. Mein Tipp geht an die Fundies.

Manch ein Christ könnte vielleicht jetzt einwenden, dass der Weg der Mitte der laue Weg sei, und auf die vielzitierte Bibelstelle Offenbarung 3,16 verweisen. Das stimmt aber nicht! Lauheit bedeutet, immer den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Der Weg der Mitte ist nicht der Weg des geringsten Widerstands, denn da hat man immer beide Extremseiten gegen sich. Die eine oder andere Extremposition anzunehmen, ist oft sogar einfacher, denn da findet man immer leicht eine Gruppe, in die man sich einfügen kann, wo man immer wieder Bestätigung finden kann, und wo man die Welt in „wir“ und „die anderen“ aufteilen kann.  

9 Gedanken zu “Weg der Mitte

  1. Ein Buchtipp von meiner Seite : Gustave Le Bon “ Psychologie der Massen“.
    Viele dieser fundamentalen Neuchristen kommen aus der Esoszene und binden ihren Elektrakomplex an eine transzendente Vaterfigur, um der fatalen Selbstverantwortlichkeit und Identifikation zu entgehen. Ich kenne kaum jemanden aus diesem Verein, der keine schwerwiegende psychische Belastungsstörung aufweist. Schau dir auf der anderen Seite der Medaillie den Maggie Dörr Club an. Diese Menschen tragen das „Licht“ nicht hinter ihrer Brust, sie sind seelisch kaputt und leben in einer Scheinwelt, die nichts mit einer göttlich- bewussten gemein hat, ganz zu schweigen von den unsäglichen Mit- und Nachläufern in dieser Gruppe.

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    • „Elektrakomplex“ musste ich jetzt erstmal in Wikipedia nachschlagen. Von Psychologisierungen halte ich allerdings nicht viel. Es stimmt wohl, dass zumindest ein Teil der christlichen Fundis aus der Esoterik kommt. Diese „Zeugnisse“ lauten dann meist in etwa so: Früher war ich voll in der Esoterik, dann ging es mir damit immer schlechter, bis irgendwann Jesus in mein Leben kam und mir zeigte, dass Esoterik alles vom Teufel und dämonisch ist, dann bekehrte ich mich und wurde gerettet. So oder ähnlich. Das Leben dieser Menschen ist dann meist wirklich stark verändert. Steven Black hat da mal eine schöne Polemik drüber geschrieben: https://stevenblack.blog/2015/07/03/achtung-lichtarbeit/ (mittlerweile ist er leider ebenfalls durchgeknallt).

      Maggie Dörr ist so zu sagen den umgekehrten Weg gegangen. Sie war 30 Jahre lang evangelikale Fundamentalistin und hat dann dekonvertiert. Was durchaus schon mal eine Leistung ist, dass sie das ganz alleine geschafft hat, das schaffen die wenigsten. Dass sie und ihre Gruppe sich allerdings eine ziemlich skurrile Parallelwelt erschaffen haben, die nicht mehr viel mit der Realität zu tun hat, stimmt leider: Flache Erde, überall sind „KI-Programme“ am Werk, die gelöscht werden müssen, und alles muss erstmal auf soundsoviel Prozent Wahrheitsgehalt „getestet“ werden (wie dieses „Testen“ denn nun funktioniert, habe ich bis jetzt nicht heraus gefunden…). Die meisten Beiträge werden zwar freigeschalten, aber alles, was nicht in deren Schema passt, wird einfach ignoriert bzw. übergangen. Es ist schwierig, da durch zu kommen. Wo sie allerdings gut sind, ist im Aufsprüren von interessanten Links, Videos, und Theorien aus dem Netz, die ich selbst sonst nicht gefunden hätte.

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      • Bezüglich Cris Changs’ Beitrag: »Psychologie des foules« gilt nicht als psychologisch wissenschaftliches Werk, sondern als ein Werk, dem die Beobachtung zugrunde liegt.

        Aber: Gelesen sollte man es einmal haben. Wichtiger allerdings wäre es, das „Milgram Experiment“ und das „Stanford prison experiment“ zu lesen. Hier wird nicht nur allgemeine Abstrusität bewiesen, sondern auch, dass es die Eliten sind (Stanford …), die zu den dümmsten Menschen zählen.

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    • 1998 gelesen, gleich nach dem Buch, das
      alle Finanzrepressionen verhindert
      hätte, würde auch nur ein einziger Politiker
      lesen, was wichtig für die Allgemein-
      heit ist: F. I. A. S. C. O.

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  2. »Das menschliche Gehirn
    nimmt nur das als wahr an,
    was zum eigenen Denken
    passt. Alles andere wird
    als Lüge von sich gewiesen.«
    Gert Gurke

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  3. Schule ≠ fürs Leben.
    Schule ≠ für dich.
    Schule ist für sie: die Industrie!

    Kea, ein ganz komischer Vogel

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