Wähler und Nichtwähler

[Skript]

Jetzt ist es schon eine Weile her, dass ich mich das letzte mal öffentlich geäußert habe. Das liegt daran, dass ich in letzter Zeit mit einer Menge privater Probleme zu kämpfen hatte. Das macht zwar keinen Spaß, aber es hat mich auf das zurückgeworfen, was eigentlich wichtig ist. Zu viel hatte ich mich in letzter Zeit mit dem ganzen Politik-Mist beschäftigt, und mir darüber so viele Gedanken gemacht, dass ich eine zeitlang gar nicht merkte, dass ich dadurch beruflich ins Hintertreffen geriet. Dies wurde mir jetzt erst vor ein paar Wochen richtig bewusst, und stürzte mich erstmal in eine Krise. Dazu kam noch ein Wohnungseinbruch, bei dem mein Laptop gestohlen wurde, so dass ich auch erstmal keine Video mehr aufnehmen konnte.

Manchmal denke ich, wir machen uns zu viele Sorgen über einen möglichen Wirtschaftszusammenbruch, den Ausbruch eines Bürgerkriegs, oder des Dritten Weltkrieges — das sind ja alles reale Möglichkeiten — aber letztlich sind es dann doch oft die ganz “gewöhnlichen” privaten Krisen, die uns aus der Bahn werfen: Eine Krankheit, Depressionen, Probleme in der Familie, im Beruf, oder mit dem Partner, der Tod eines Angehörigen usw..

Eigentlich hatte ich vor, noch vor der Bundestagswahl etwas zu den Aufrufen mancher Systemkritiker zum Nichtwählen zu machen. Aber es macht überhaupt nichts, das jetzt mit einigem Abstand nachzuholen: Zum einen gab es genug andere Youtuber, die sich damit intensiv auseinander gesetzt haben, und die Irrationalität dieser Aufrufe mit guten Argumenten widerlegt haben, wie z.B. Hagen Grell, wir selbst, und Emperor Caligula, um nur einige zu nennen. Zum anderen hatte mich das Ganze damals noch viel zu sehr aufgeregt, so dass  es vielleicht gar nicht falsch war, damit erst mal gewartet zu haben. Außerdem ging es vor der Wahl vor allem darum, möglichst viele Leute zu überzeugen, doch noch wählen zu gehen. Es war ja Wahlkampf. Dagegen kann man das Ganze jetzt mit einem gewissen Abstand betrachten.

Jetzt könnte man sich vielleicht sagen: Die Bundestagswahl ist doch schon lange gelaufen. Ob jemand gewählt hat oder nicht, kann man jetzt eh nicht mehr rückgängig machen. Warum soll man jetzt noch ewig darauf rumreiten und sich gegenseitig Vorwürfe machen? Nun, ich halte auch überhaupt nichts davon, dass sich Nichtwähler und AfD-Wähler jetzt und in Zukunft gegenseitig die Schuld für all die Katastrophen zuschieben, die Merkel & Co in der kommenden Legislaturperiode anrichten könnten. Trotzdem war mir aber schon von Beginn an klar, dass dieses Thema auch nach der Wahl noch nicht vorbei sein wird, und zwar unabhängig von deren Ausgang. Dass manche Leute zur Nichtteilnahme an Wahlen aufrufen, ist zwar nichts neues. Diese Diskussion gab es auch schon bei früheren Bundestagswahlen. Aber so erbittert, so dogmatisch, ja, teilweise fanatisch wie das, was man dieses mal in den sozialen Medien und Kommentarspalten hören und lesen konnte, war die Auseinandersetzung noch nie. Die systemkritische Szene ist dadurch in zwei Blöcke gespalten worden, die wahrscheinlich gar nicht mehr, oder nur noch sehr schwierig zusammengefügt werden können. Wie konnte es nur dazu kommen?

Eins ist mir jedenfalls klar: Es geht hier nicht nur um die Frage, ob die Teilnahme an Wahlen richtig oder falsch ist. Wenn es nur das wäre, könnte man das Thema jetzt, wo die Wahl gelaufen ist, tatsächlich getrost auf sich beruhen lassen. Zumindest für die kommenden vier Jahre. Aber ich fürchte, die Sache geht tiefer: Wir haben es hier mit einer nach außen hermetisch abgeschlossenen Weltanschauung zu tun. Solange mir keine bessere Bezeichnung einfällt, nenne ich sie einfach mal die “Nichtwähler-Ideologie”. Ich möchte auch dazu sagen, dass ich in diesem Konflikt ganz auf einer Seite stehe: Ich war und bin immer noch der Meinung, dass es diesmal die richtige Entscheidung war, die AfD zu wählen. Es ist eine pragmatische Entscheidung, und bedeutet nicht, dass man diese Partei für so etwas wie ein Allheilmittel hält, dass man in allen Punkten mit ihr einverstanden sein muss, und dass es an ihr nichts zu kritisieren gibt. Das sollte so wie so selbstverständlich sein, und ich finde es seltsam, dass es überhaupt noch nötig ist, das zu erwähnen. Aber was Pragmatismus bedeutet, können die 150%-igen Nichtwahl-Ideologen offenbar nicht verstehen. Stattdessen basteln sie sich ein stereotypes Abbild des “Wählers”: Dieser gibt an der “Urne” seine “Stimme” ab, weil er glaubt, er könne damit Abgeordnete beauftragen, für die nächsten vier Jahre für ihn zu sprechen. Danach macht er nichts mehr und glaubt, dass die Partei, die er gewählt hat, für ihn die Welt wieder heile machen wird. Mal ehrlich — wohl nicht einmal die dümmsten CDU-Wähler stellen sich das so einfach vor. Im Übrigen habe ich offenbar meine Stimme noch nicht verloren, obwohl ich ein Stück Papier in eine Box geworfen habe — sonst könnte ich dieses Video nicht besprechen!

Was meine ich mit “Nichtwähler-Ideologie”? Mir kommt es so vor, als ob es sich um eine neue Form von Elitedenken handelt, und es hat etwas von Sektierertum: Wer noch glaubt, mit Wahlen etwas verändern zu können, kann in den Augen dieser Leute nur ein “Halb-Aufgewachter” sein. Einer, der noch nicht verstanden hat, dass alles, ausnahmslos alles, was in der Politik geschieht, schon lange von einer verborgenen Machtelite festgelegt wurde. Wir haben darauf überhaupt keinen Einfluss. Wer sich noch Hoffnungen macht, etwas zum Besseren verändern zu können, gilt als Schwächling und wird aus der erlauchten Gemeinschaft der wahrhaft Aufgewachten ausgegrenzt. Wer sich die hoffnungsloseste, düsterste, und grausamste Zukunftsvision ausmalen, und diese ertragen kann, hat gewonnen. Der darf sich als wahrhaft Aufgewachter bezeichnen. Alexander Wagandt sagte z.B. in der letzten “Tagesenergie” vor der Bundestagswahl so etwas wie, Wahlen könnten nichts verändern, und wer das immer noch nicht verstanden habe, dem könne man nicht mehr helfen. Klar, damit meint er natürlich: Mit Leuten, die das anders sehen als er, braucht er auch nicht mehr zu diskutieren, er braucht ihnen nicht einmal mehr zuzuhören, denn die sind ja unter seinem Niveau. Sorry Alexander, aber mit solchen Aussagen offenbarst du eine Arroganz, mit der du dich bei mir disqualifiziert hast.

Zugegebenermaßen enttäuscht war ich auch von Heiko Schrang. Noch vor ein paar Monaten sprach er im Interview mit Jo Conrad von seinem Engagement für GEZ-Verweigerer. Er sagte, er mache sich Sorgen über die zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft: Die einen seien für Trump, die anderen gegen ihn; die einen für Flüchtlinge, die anderen dagegen; aber bei dem GEZ-Thema seien sich alle einig, darum sei das Thema so gut geeignet, um die Menschen zu einen und einen gemeinsamen Widerstand gegen die GEZ-Medien auf die Beine zu stellen. Diese Einstellung fand ich sehr sympathisch und ich sehe das auch heute noch so. Aber leider hat Schrang es mit seinem Aufruf zum Nichtwählen geschafft, selbst einen tiefen Keil in sein Publikum zu schlagen. Der ganze Kommentarbereich war voll von Beleidigungen und  Schuldzuweisungen. Kurz darauf lud Schrang einen Videonachtrag dazu hoch. Nun hätte ich zunächst gedacht, dass er damit vielleicht versucht hätte, den Streit zu schlichten und die verhärteten Fronten wieder auszugleichen. Dass er vielleicht nicht damit gerechnet habe, so viel Wirbel verursacht zu haben. Hätte ja durchaus sein können. Aber nein, stattdessen rechtfertigte er sich noch in diesem Video, und versuchte, seine Kritiker als lächerlich hinzustellen. Sogar Drohungen habe er erhalten, er solle mit seinen Aufrufen zum Nichtwählen aufhören. Gut, so etwas ist natürlich in keinster Weise akzeptabel. Aber Schrang vergaß zu erwähnen, dass da auch einiges an Beschimpfungen und Beleidigungen von Seiten seiner Unterstützer kam. “Dummes Wahlvieh” war da noch eine der harmloseren. Seine Meinung über das Wählen hin oder her, aber das hätte er auch rügen müssen. Es war also ziemlich einseitig, was sich Heiko da leistete.

Richtig lustig wird es, wenn einige behaupten, wählen gehen sei ein Straftatbestand, weil das Bundesverfassungsgericht irgendwann mal entschieden habe, dass Bundestagswahlen ungültig seien. Das heißt also, 40 Mio Deutsche müssen jetzt allesamt ins Gefängnis wandern, weil sie zur Wahl gegangen sind. Dazu müssen natürlich erst einmal sämtliche Mörder, Gewalttäter, Vergewaltiger, Einbrecher, und Wirtschaftskriminelle entlassen werden, um für alle Platz zu machen. Echt jetzt, solche Leute machen sich nur noch lächerlich. Überhaupt scheint mir dieses Herumreiten auf Paragraphen, die zum Teil noch aus der Zeit des Kaiserreichs kommen, ein typisch deutsches Phänomen zu sein: Die eigenen Interessen sind völlig egal, aber wehe es geht irgendwo nicht penibel genau nach dem Wortlaut des Gesetzes oder vermeintlicher Autoritäten wie dem Bundesverfassung zu, dann macht man auch mal den eigenen Landsleuten die Hölle heiß. Leute, nehmt euch mal ein Beispiel an den Polit-Kriminellen, aber  auch an den “Neudeutschen”: Die scheren sich schon lange nicht mehr um irgendwelche Gesetze — sie tun und lassen einfach was sie wollen. Aber an die traut man sich nicht ran, also beschimpft man lieber die Nachbarn, die eigene Verwandtschaft, seine Freunde, oder Mitlesende in Internetforen, und wenn’s zum eigenen Nachteil ist…

Seltsamkeiten kommen allerdings zum Teil auch von den AfD-Unterstützern, muss man der Fairnesskeit halber sagen: Viele hatten sich wohl ein besseres Ergebnis erhofft, doch als das nicht so eintrat, gingen wieder die üblichen Beschimpfungen auf die dummen Deutschen los, die ihren Untergang doch nicht besser verdient hätten. Gut, über 15% hätte ich mich schon auch gefreut. Aber den Super-Optimisten, die Prozentzahlen von 18% oder noch höher erwartet hatten, hatte ich nicht geglaubt. Es ist eben eine schmerzliche Tatsache, dass die moderne Statistik die zu erwartenden Ergebnisse doch meistens ganz gut vorhersagt. Und so war auch bei dieser Bundestagswahl. Sicher, bei den Mainstream-Meinungsforschungsinstituten besteht genug Grund skeptisch zu sein. Die bemühen so weit wie möglich, die Blockparteien nach oben und die “ungeliebten” Parteien möglichst nach unten zu rechnen. Aber z.B. Michael Klein von sciensfiles.org behauptet, mit seiner eigenen statistischen Methode die Ergebnisse relativ gut prognostiziert zu haben — und der ist ein Rechter oder zumindest ein Libertärer, weshalb man ihm nicht unterstellen kann, versucht zu haben, die AfD-Zahlen herunter zu rechnen. Gut, wie hoch der Einfluss von Wahlfälschung war, können wir schlecht sagen, solange keine eindeutigen Beweise dafür vorliegen. Aber man darf nicht den Fehler machen, seine subjektive Einschätzung allzu hoch zu bewerten. Es gibt ja manchmal Leute in den Kommentarspalten, die schreiben, sie kennen in ihrem Umfeld nur noch Leute, die Merkel weg haben wollen, und die AfD wählen. Sie könnten sich gar nicht vorstellen, dass die AfD weniger als 50% haben könnte, und dass es sich eindeutig um Wahlfälschung handeln müsse. Ich muss zugeben: Ich beneide diese Leute. Wenn ich nach meinem eigenen Umfeld gehe, dürfte die AfD höchsten 1% erreichen, und ich frage mich, wo die 12,6% sich wohl versteckt haben… Das erinnert mich übrigens an das Youtube-Gespräch zwischen Hagen Grell und Wolfgang Eggert, wo Eggert sagte, er sei fast nur mit Mainstream-Gläubigen zusammen. Hagen Grell, der in seinem Umfeld dagegen hauptsächlich mit Leuten aus der Gegenbewegung zu tun hat, hatte offenbar Mühe, sich das vorstellen zu können. Ich kann Eggert das nachfühlen, mir geht es ähnlich. Aber im Gegensatz zu ihm habe ich diese Rachegefühle gegen mein Mainstream-Umfeld nicht. Ich versuche, mit diesen Leuten klar zu kommen. Es nützt ja nichts.

Um ein kurzes Fazit zu ziehen: Viele scheinen mit diesem Frust nicht klarzukommen, und flüchten sich dann in subjektive, nach außen abgeschlossene Parallelwelten. Was ich auch gut nachvollziehen kann: Ich bin wie Wolfgang Eggert in meinem Umfeld fast vollständig von Mainstreamgläubigen umgeben, mit denen ich über die besorgniserregenden Zustände in Deutschland und der Welt nicht reden kann. Und jeder solche Versuch ist wie das Gefühl, gegen eine Betonwand zu rennen. Ich vermute mal, dass es den meisten, die im Netz ihren Frust und ihre Verzweiflung in Form von Beschimpfungen auf ihre Leser, Hörer, Mitdiskutierenden und sonstige Leidensgenossen abladen, genauso geht.  Aber, um zu meiner abschließenden Bemerkung zu kommen: Man kann sich doch als erwachsener Mensch auch mal zusammen reißen, wenn die Zeiten mal schwierig werden, und nicht alles so läuft, wie man das gerne hätte!

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