Heyer vs. Reschke

Auf den Blogs, die ich mir regelmäßig ansehe, werden im Kommentarteilen (soweit diese existieren; dazu später mehr…) oft harte Diskussionen ausgefochten — manchmal niveauvoll, manchmal weniger. Im allgemeinen beteilige ich mich nur selten an Diskussionen, richtig aktiv war ich eigentlich nur einmal vor ca. 10 Jahren, auf dem damaligen Parsimony-Forum von Hans-Joachim Heyer (HJH) (diese Parsimony-Foren gibt es schon seit einigen Jahren gar nicht mehr). Die interessanteste und niveauvollste Diskussion, die meiner Meinung nach jemals im deutschsprachigen Netz ausgetragen wurde, war die zwischen Hans-Joachim und dem mittlerweile nicht mehr ganz unbekannten „Schamanen“ (jedenfalls nannte er sich damals mal selbst so; ob er das immer noch tut, weiß ich nicht) Gerd-Lothar Reschke (GLR). Das war zwar noch „vor meiner Zeit“, aber glücklicherweise hat Hans-Joachim diese Diskussion auf seiner Homepage gerettet, so dass sie bis heute überlebt hat. Die Konversation zieht sich durch mehrere Seiten, siehe diese beiden Links hier, sowie die weiterführenden Links: http://www.hanjoheyer.de/Kritik.html und http://www.hanjoheyer.de/Reschkeforum.html . Eingefleischten Reschke-Fans kann ich nur empfehlen, sich diese Konversationen einmal durchzulesen. Einen weiteren Kontaktversuch zwischen den beiden gab es meines Wissens nach nie mehr — sie machten beide auf ihre eigene Weise weiter. Ja schlimmer noch, sie verlinken noch nicht einmal mehr auf ihren gegenwärtigen Internetpräsenzen aufeinander. Wobei es bei mir doch eher so rüber kam, dass es GLR war, der HJH auf eine Weise abserviert hatte, die ich nicht ganz in Ordnung fand. Eine wahrhaft merkwürdige Episode in der deutschen Netzgeschichte… Außerdem ist diese Diskussion, soweit ich weiß, das einzige Fragment im Internet, das eine wirkliche Diskussion des „Sprachgiganten“ GLR mit einer anderen Person (die zumindest ich ebenfalls als Sprachgigant ansehe) wiedergibt — alles andere auf GLRs zahlreichen Seiten sind Monologe und Selbstgespräche.

Aber HJH ist nicht der einzige, der diese Behandlung erfuhr, anderen erging es nicht besser: Einst war Reschke ganz begeistert von Oliver Janich (den ich auch ganz gut finde, auch wenn ich nicht viel mit seinem radikalen Libertarismus anfangen kann), der ganz ähnliche Ansichten vertritt wie er, aber der war dann auch nix. Später fand er den Jürgen Elsässer gut (das tu ich übrigens auch), um ihn kurze Zeit später mit Goebbels zu vergleichen (sonst geht’s dir schon noch gut, Gerd-Lothar?). Vielleicht gibt es noch wesentlich mehr Opfer des „Reschke-ismus“, die schon lang in der Versenkung verschwunden sind.

Warum interessiere ich mich überhaupt noch für diesen alten Schmonz? Weil es helfen könnte, die aktuelle Situation besser zu verstehen, indem ich die in vielen Punkten völlig entgegengesetzten Denkweisen von GLR und HJH einmal schriftlich gegenüberstelle — obwohl beide ursprünglich denselben Ausgangspunkt haben, nämlich die Suche nach der Wahrheit und Selbsterkenntnis. Wie ich in den spärlichen Einträgen in meinem Blog versucht habe aufzuzeigen, ist mir persönlich dabei Hans-Joachims Welt wesentlich näher. Inzwischen hat Reschke seine Hauptpräsenz auf der Seite www.wertperspektive.de. Er macht heute hauptsächlich (aber nicht nur) Videos politischen Inhalts (von dem ich mir vielleicht jedes dritte bis vierte ansehe) und hängt mit seiner Kritik am Geldsystem im weitesten Sinne der sog. „libertären“ Ideologie an. Im Unterschied zu wahrscheinlich den meisten Reschke-Zuschauern kenne ich GLR durch die oben verlinkten Seiten und Diskussionen mit HJH noch aus der Zeit, bevor er begann sich über Politik zu äußern, und Jahre bevor er begann, Videos zu machen. Seine wesentliche These war damals seine „Erkenntnis“, dass es kein „Ich“ gebe, und dass die Vorstellung, ein selbständig Handelnder zu sein, eine Illusion sei. In der besagten Diskussion versuchte Hans-Joachim, Widersprüche in diesem Konzepts aufzuzeigen (Reschke würde seinerseits wahrscheinlich leugnen, dass es sich um ein Konzept handelt, da er das Wort „Konzept“ generell nicht mag) und wies auf deren Ähnlichkeit mit den Aussagen der materialistischen Hirnforscher wie z.B. Gerhard Roth, Thomas Metzinger oder Wolf Singer hin. Obwohl dieser Vergleich meiner Meinung nach hinkt, und sich Reschke für dieses Thema nicht die Bohne zu interessieren scheint, trifft dies jedoch in einigen Punkten zu: Auch diese Hirnforscher behaupten, bewiesen zu haben, dass es kein „Ich“ gäbe, und da das Gehirn ein geschlossenes physikalisches System sei, das einfach nur „von selbst“ funktioniere, gäbe es keinen freien Willen und deshalb auch keinen Handelnden. Die Gründe für diese ähnlichen Schlussfolgerungen könnten aber unterschiedlicher kaum sein: Den erwähnten Herrn Professoren geht es darum, ihre Karriere und ihr Professorengehalt zu sichern, und sie tun das, indem sie als Mitläufer im Strom des materialistischen Mainstreams mit schwimmen — sie wissen einfach, was die Mächtigen gerne hören wollen, und setzen ihre überragende Intelligenz dafür ein, dies möglichst effektiv zu tun. GLR dagegen kann man diesen Vorwurf wirklich nicht machen… Er hat keine Angst davor gegen den Mainstream anzuschwimmen. Oder besser gesagt, er hat den Mut, sich dieser Angst entgegenzustellen — seine wahrscheinlich größte Gemeinsamkeit mit HJH.

Aber warum teilt Reschke dann dieses — im Endresultat — zugegebenermaßen sehr ähnliche Weltbild der materialistischen Wissenschaftler? Ich tippe auf eine gewissen Sturheit, wie ich im Folgenden versuche darzulegen. Um noch einmal klar zu sagen, ich schreibe hier über Äußerungen von ihm, die schon über 10 Jahre zurücklegen. Heute beschäftig sich GLR mit ganz anderen Dingen. Man könnte also meinen, dass er seine damaligen Vorstellungen noch einmal überdacht, verändert oder revidiert hat. Aber wenn ich das aus einigen seiner letzten Videos richtig entnommen habe, scheint das keineswegs der Fall zu sein (die Diskussion zwischen HJH und GLR wäre heute wahrscheinlich immer noch genau gleich abgelaufen). Warum gehe ich darauf überhaupt noch ein? Weil mich die Widersprüche, in die GLR sich ständig verwickelt, stören. Warum spricht er immer wieder von „Eigenverantwortlichkeit“, und beschwert sich über das Fehlen derselben bei seinen Mitmenschen (außer sich selbst), wenn es doch gar kein „eigenes“ ich gibt, für das man Verantwortung übernehmen kann? Warum wirft er allen anderen (außer sich selbst) vor, dass sie an der üblen Situation, in dem sich die Gesellschaft zur Zeit befindet (und da würde ich ihm sogar durchaus Recht geben), selbst Schuld seien, wenn es doch gar keinen handelnden Entscheider gibt, der sich für das eine oder das andere entscheiden könnte? Ohne Handlungen und Entscheidungen für das eine und gegen das andere gibt es keine Schuld, weder gegenüber anderen noch sich selbst (die oben erwähnten materialistischen Wissenschaftler scheinen das übrigens — im Gegensatz zu Reschke — erkannt zu haben). Für mich ergibt das einfach von hinten bis vorne überhaupt keinen Sinn! Und vor allem: Warum ist er so überzeugt davon, alles so viel besser zu durchschauen als alle anderen? Sorry, aber ich kann da eigentlich nur eines dahinter erkennen: Ein dickes EGO, aufgeblasen wie ein Luftballon!

Damit das gleich klar ist, ich würde hier nicht darüber schreiben, wenn ich GLRs Arbeit nicht für einen Lichtblick in der heutigen Zeit halten würde, und mir die Videos nicht zumindest gelegentlich ansehen würde. Normalerweise könnte man so etwas im Kommentarteil bzw. im Forum eines entsprechenden Webauftritts anbringen, aber wer die Reschke-Seiten kennt, weiß, dass die Kommentarfunktion dort arretiert ist; und zwar auf der Position „OFF“ — was natürlich sein Recht ist. Lustig ist aber, dass GLR mehrmals kurzzeitig versucht hat, Kommentare zuzulassen, aber schon nach kurzer Zeit immer wieder merken musste, dass ihm die Kommentatoren einfach zu doof sind. Hätte ich dort etwas geschrieben, wäre es wahrscheinlich auch schnell als Spam deklariert und gelöscht worden, vermute ich — ich bezweifle, dass ich das von GLR geforderte Niveau erreichen könnte. Deshalb mag es vielleicht nicht gerade die feinste Art sein, in meinem eigenen Blog über ihn zu stänkern, aber auf der anderen Seite sehe ich auch nicht ein, dies wegen seines empfindlichen Egos nicht zu tun. Eine Kommentarfunktion abzuschalten schützt halt nicht davor, nicht über andere Wege kritisiert werden zu können.

Das soll aber alles nicht heißen, dass GLR nicht auch manchmal eigene Fehler eingesteht: Wie z.B. die Tatsache, dass der von ihm über lange Zeit immer wieder vorhergesagte „Crash“ des „Falschgeldsystems“ (seine Wortschöpfung), der bis heute nicht eingetreten ist. Was selbstverständlich nicht heißt, dass dieser nicht doch noch kommen kann. Ein solcher Zusammenbruch wäre schlimm, aber sicherlich immer noch besser als ein jahrhundertelang andauerndes globales Terrorregime: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende könnte man sagen…

Gerd-Lothar scheint durchaus Publikum zu haben, seine Leser- und Hörerschaft liegt im vierstelligen Bereich, schätze ich. Dagegen hat Hans-Joachim nach eigener Aussage nur ca. 40 regelmäßige Leser, einer davon bin wohl ich. Das finde ich schade, aber HJHs eigener Aussage zufolge macht er seine Seiten absichtlich nur so schwer zitierbar, um seinen Leserkreis klein zu halten. Außerdem sind viele Texte auch nur schwer zu verstehen, wenn man die dahinter stehenden Theorien nicht kennt — und sich durch alle seine Seiten durchzuarbeiten, braucht schon etwas Zeit… Trotz allem möchte ich an dieser Stelle loswerden, dass ich die Arbeit dieser beiden Streithähne für unschätzbar wichtig halte, gerade in diesen schwierigen Zeiten. Eine Zusammenarbeit scheint jedoch ausgeschlossen. Beide haben ihr eigenes, eigenwilliges Erklärungemodell für die Ursachen der Schwierigkeiten. Bei GLR ist es das Falschgeldsystem, bei HJH die materialistische Philosophie der geheimen Elite, der „Herrn der Welt“. Beide Ideen wären sicherlich kombinierbar in dem Sinne, dass das Falschgeldsystem das Symptom einer materialistischen Philosophie ist, die alles geistige, jenseitige, moralische für nichtexistent erklärt. Letzteres geht tiefer und ist umfassender; GLR reagiert darauf jedoch allergisch bzw. scheint dies abzulehnen.

So — jetzt habe ich über 2 Wochen an diesem Blogeintrag geschrieben, und lange überlegt, ob ich ihn online stellen soll. Er geht jetzt einfach mal online. Ob das richtig ist oder nicht, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich diesen beiden Typen nicht das Wasser reichen kann, und das wahrscheinlich auch nie können werde.

Advertisements

5 Gedanken zu “Heyer vs. Reschke

  1. Hallo Chris, das war wirklich ganz amüsant zu lesen! Ich habe diesen Eintrag zufällig entdeckt, als ich meinen Namen bei der Google-Suche eingegeben habe. Es stimmt, daß das ein hochinteressanter Streit (Dialog wohl weniger) mit HJH gewesen ist. Es stehen aber eine ganze Reihe trauriger Mißverständnisse in dem Beitrag. Ich habe noch einen anderen Youtube-Bereich: GLR Kraft der Freiheit, dort mehr zum Thema Selbsterkenntnis.
    Gruß GLR

    Gefällt mir

  2. Hallo GLR, vielen Dank für Ihren Kommentar. Es ist gut möglich, dass ich einiges von Ihren Texten und Videos missverstanden haben könnte. Tatsächlich finde ich vieles nicht so leicht verständlich und es kann auch sein, dass ich manches in den falschen Hals bekommen habe. Aber es ist auf jeden Fall nicht meine Absicht, in meinem Blog Missverständnisse zu verbreiten. Deshalb habe ich mir Gedanken gemacht und habe vor, meinen Beitrag in den nächsten Tagen zu verändern, um Missverständnissen vorzubeugen, auch wenn ich momentan vielleicht noch nicht erkennen kann, worin die Missverständnisse genau liegen.
    Beste Grüße, Chris

    Gefällt mir

  3. Hallo Chris,
    (ich hoffe, es ist ok, wenn ich das „Du“ benutze)
    danke für Deine Reaktion. In der Zwischenzeit habe ich mich sehr ausführlich in meinem (neuerdings öffentlichen) Blog zu dem ganzen Thema geäußert [z.T. noch in Arbeit]. Hier der Link: http://www.reschke.de/blog/2015_06.php

    Ich möchte realistisch sein: Ich sehe praktisch keine Chance, daß sich bei diesen Sichtweisen (knapp zusammengefaßt in den Begriffen Philosoph/Mystiker) etwas vermitteln läßt, weil sie auf entgegengesetzte Augenmerke fokussiert sind. Aber für mich war eine Rekapitulation der Thematik durchaus ergiebig (siehe meinen Blogbeitrag); vielleicht kannst auch Du zumindest teilweise etwas damit anfangen.

    An Deiner Stelle würde ich den obigen Blogeintrag nicht ändern. Jeder von uns ist ja in Bewegung, und man gibt nur Momentaufnahmen ab. Jedenfalls habe ich mich, auch durch die für Dich oder manche Leser vielleicht gegen die Person (Ego-Thematik, Tonfall o.ä.) kritisch gerichteten Aussagen, nicht brüskiert gefühlt. Ich schreibe auch gerne unverstellt, selbst wenn es hart klingen mag (siehe meine Anmerkungen zum Sozialismus – bitte schaue dazu das verlinkte Video von mir, auch zu den Nachdenkseiten, die auch ich gut kenne).

    Gruß, GLR

    Gefällt mir

  4. Hallo GLR,

    ich war überrascht über die so ausführliche Antwort auf Deinem Blog, die ich noch mehrmals lesen muss. Vielen Dank dafür. Ich denke, das erlaubt mir, meinen ursprünglichen Beitrag jetzt unverändert zu lassen, weil die Missverständnisse ja in dem Beitrag direkt angesprochen sind. Ich möchte aber noch eine Entgegnung formulieren.

    Eine Frage hätte ich aber noch: Ich weiß, dass Du viel über den Sozialismus sprichst (mit ausschließlich negativer Konnotation), aber mir ist nicht klar, was Du mit dem Begriff „Sozialismus“ genau meinst, außer, dass es etwas mit Staatsgläubigkeit zu tun hat. Hast Du eine genauere Definition dieses Begriffs?

    Viele Grüße,
    Chris

    Gefällt mir

  5. Hallo!
    Ich möchte der Versuchung widerstehen, ein komplexes Thema wie Sozialismus mit ein paar Begriffen zu erschlagen. Ich mache es mir jetzt mal leicht und poste einfach ein paar Links, weil ich das Thema Sozialismus/Kapitalismus/Marktwirtschaft/Staat jahrelang immer wieder aus verschiedenen Perspektiven behandelt habe:

    – Einsichten 8: Das Kernprinzip des Sozialismus https://www.youtube.com/watch?v=SdQixbVAZMg

    – Einsichten 15: Die Sozialstaatslüge – oder: Warum Sozialismus nicht funktioniert https://www.youtube.com/watch?v=DNFeK4Lmmrg

    – Wertperspektive 98: Der heutige Zeitgeist-Sozialismus https://youtu.be/MaAYJJDxn9s

    … es gäbe sicher noch zig weitere Videos. Kann man auch googeln (Wertperspektive+Sozialismus -> https://www.google.de/search?q=Wertperspektive+Sozialismus)

    Auch Susanne Kablitz, die ich persönlich kenne, hat gute Texte zum Thema verfaßt und sogar ein dickes Buch darüber geschrieben:

    https://susannekablitz.wordpress.com/category/sozialismus/

    Gruß, GLR

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s