Lunch time

Gestern kam in der Mittagspause mit den Kollegen das Thema Russland auf. Es ist schon erstaunlich, dass selbst intelligente Menschen den vorgegebenen Medien-Sermon wiedergeben, und vor allem, dass sie auch noch glauben, es sei ihre eigene Meinung. Vielleicht hat Gerd-Lothar Reschke recht, wenn er meint, dass gerade der Durchschnitts-Intellektuelle die systemkonformste Lebensform darstellt. Es wurde behauptet, Russland sei mittlerweile völlig isoliert, dass es zum Krieg käme, wenn die Russen die Grenze zur Ukraine überschreiten würde, und dass die europäischen und amerikanischen Streitkräfte stark genug wären, um Russland zu vertreiben.

Meist habe ich bei solchen oder ähnlichen Gesprächsthemen einfach geschwiegen und nur (in manchen Fällen innerlich kopfschüttelnd) zugehört. Unter anderem wohl auch deshalb, weil ich so wie so meistens schweige und nur zuhöre, und selbst dann, wenn ich etwas beitrage, es meistens nur unwesentliches ist und nur selten auf Interesse stößt. Trotzdem war ich froh, dass ich dieses Mal zumindest zu erkennen gegeben habe, dass ich abweichende Vorstellungen vertrete. Immerhin sagte ich soviel: Dass ich nicht glaube, dass Russland so isoliert ist, wie die Standardmedien es uns glauben machen wollen, da der überwiegende Teil der europäischen Bevölkerung das gar nicht so sieht. Dass die Frage sei, was die Russen eigentlich gemacht hätten, außer den Schutz der russischen Minderheit in der Ukraine zu fordern (immerhin mein indischer Kollege stimmte mir in diesem Punkt zu). Auf die Entgegnung, ob ich es denn in Ordnung fände, dass die Russen ihre (nach meinem Stand des Wissens inzwischen sogar wieder abgezogenen) Truppen an ihrer Westgrenze zur Ukraine stationieren, entgegnete ich, dass die NATO ebenfalls an der Ostgrenze der EU aufrüstet. Da konnte natürlich keiner mehr so richtig dagegen argumentieren, und ich ließ das Thema.

Selbstverständlich hätte ich noch viel mehr dazu sagen können. Dass die Revolution in der Ukraine vom Westen aus angezettelt war, und wahrscheinlich ein illegaler Putsch war. Dass auch dieses Mal wieder eindeutig die USA und die EU die Aggressoren sind, und praktisch alle Mainstreammedien deren treue Komplizen sind. Dass letztere sich anscheinend nicht im geringsten daran stören, dass an der jetzt an die Macht gekommenen ukrainischen Regierung waschechte Neonazis mitmischen, während man hier schon als Nazi verleumdet wird, wenn man die amerikanische Federal Reserve Bank (FED) kritisiert. Dass gerade die Europäer gravierende wirtschaftliche Nachteile von Sanktionen gegen Russland haben werden. Aber das hätte sicherlich zu nichts geführt, und es ist gut, dass ich das Thema an der passenden Stelle habe ruhen lassen. Es hat gereicht, und war in meinen Augen auch richtig, mein nicht-einverstanden-sein mit der geäußerten Ansicht mitgeteilt zu haben.

Zum Schluss übrigens noch ein Wort zu dem häufig gehörten Vorwurf, vor allem die Deutschen seien so blöd um alles zu glauben, was in der Glotze kommt oder im SPIEGEL & Co. steht. In der besagten Mittagsrunde war ich nämlich der einzige Deutsche. Die Konversation fand auf englisch statt. Das hat es für mich natürlich zusätzlich schwieriger gemacht, mich klar und unmissverständlich zu dem Thema zu äußern. Während ich mit dem fachidioten-englisch, dass ich für meine tägliche Arbeit verwende, keine Probleme mehr habe. Dass sich Wissenschaftler heut fast nur noch auf englisch verständigen, erklärt wahrscheinlich, warum sie keine klaren politischen Gedanken mehr fassen können, es sei denn, sie sind Angelsachen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s