Serie Quantentheorie. Teil 1: Henry Stapp

Den ersten Teil der Serie Quantentheorie möchte ich mit einem Aufsatz des amerikanischen Physikers Prof. Henry Stapp beginnen. Er stellte diese Zusammenfassung seiner Interpretation der Quantentheorie vor einigen Tagen auf seine Homepage, und sie hat mir spontan so gut gefallen, dass ich sie ins Deutsche übersetzt habe. Stapp beschreibt auf schlüssige Weise den fundamentalen Unterschied zwischen Quantenmechanik und klassischer Mechanik, und die Bedeutung, die dieser Unterschied für unser Selbstverständnis als handelnde Wesen hat.

Ich habe schon lange nichts mehr übersetzt, aber habe mich dabei an den Grundsatz gehalten, den ich einmal im Lateinunterricht gelernt habe: „So wörtlich wie möglich, und so frei wie nötig.“ Das englische Original ist unter dem Link http://www-physics.lbl.gov/~stapp/WPostH4H3.doc zu finden.

Kausal wirksamer freier Wille

von Henry P. Stapp

Die heute gängige Ansicht in Neurowissenschaft, Biologie und Philosophie ist, dass Ihr bewusst wahrgenommener Wille keinen Einfluss auf Ihre körperlichen Handlungen hat, der über die ohnehin selbständig ablaufenden rein mechanischen Prozesse hinausgeht. Folglich, so die Behauptung, sind Sie letztendlich ein mechanischer Automat, möglicherweise noch versehen mit einem rein zufälligen Element. Ihr natürlicher Glaube, dass Ihre Willensanstrengung Auswirkungen in der physikalischen Welt hat, wird in diesem Sinne die „Illusion des freien Willens“ genannt.

Diesem gängigen naturwissenschaftlichen und philosophischen Konzept des Menschen liegen die Entscheidungen vieler Politiker, Funktionäre, und Juristen zugrunde. Deshalb sind die Folgen dieses mechanistischen Standpunktes nicht auf einen akademischen Elfenbeinturm beschränkt – sie formen die Gesellschaft in der Sie leben, und, schließlich, den Gang der Geschichte. Darüber hinaus kann der Konflikt zwischen dem, was Ihnen ständig im Namen der Wissenschaft eingebläut wird, nämlich dass Sie letztendlich geistlose Roboter sind, und dem fortwährend empirisch bestätigten Glauben, dass Ihre bewusste Anstrengung Ihre körperlichen Handlungen beeinflusst, eine Unstimmigkeit in den Gedanken und Gefühlen entstehen lassen, die Ihre Fähigkeit, mit voller Effektivität handeln zu können, beeinträchtigt. Ein rationales, schlüssiges Verständnis Ihrer selbst, das die tiefen Erkenntnisse der Naturwissenschaft mit der empirischen Bestätigung des Alltags verbindet, kann sich positiv auf Ihre Lebensführung auswirken.

Diese Vorstellung, dass Ihr bewusster Wille keinen Einfluss auf deine körperlichen Handlungen hat, ist die direkte Folge einer naturwissenschaftlichen Theorie mit dem Namen klassische Mechanik. Diese Theorie wurde im 17. Jahrhundert von den Arbeiten Isaac Newtons begründet, und sie bildete die grundlegende naturwissenschaftliche Theorie bis in die frühen 1920er Jahre, als sie mit einer Menge empirischer Daten unvereinbar wurde, und durch die Quantenmechanik ersetzt wurde.

Der Sprung von der klassischen Mechanik zur Quantenmechanik kehrt die Rollen der geistigen und der physikalischen Aspekte der Natur um. Das Ziel der klassischen Mechanik ist, die Beziehungen zwischen physikalisch beschreibbaren Ereignissen zu beschreiben; in der Quantenmechanik dagegen ist das Ziel, die Beziehungen zwischen psychologisch beschreibbaren Ereignissen zu beschreiben – nämlich zwischen bewussten menschlichen Wahrnehmungen.

In der orthodoxen Quantenmechanik sind die Wahrnehmungen, die im Bewusstsein einer Person entstehen, mit den mathematischen Eigenschaften des Quantenzustandes des Gehirns dieser Person verbunden. Diese wesentliche Verbindung zwischen Geist und Gehirn wird durch einen formal beschreibbaren Prozess der „Wissensaneignung“ erreicht. Dieser Prozess beschreibt, wie Information, die im physisch beschriebenen Gehirn enthalten ist, in Wissen innerhalb des psychologisch beschriebenen Geistes umgewandelt wird.

Der Prozess der „Wissensaneignung“ ist willentlich. Er wird durch einen Willensakt initiiert, und beinhaltet zunächst eine Fragestellung, mit der eine Antwort auf einen bestimmten Aspekt der Natur angestrebt wird. In typischen quantenmechanischen Experimenten werden diese Fragen in Form von Laborexperimenten an das Verhalten subatomarer Teilchen gestellt. Jedoch ist der Akt der Wissensaneignung im Wesentlichen derselbe, ob er in der alltäglichen Erfahrung oder in Laborexperimenten stattfindet. Ein Wesensmerkmal eines Willensaktes, der einen Wissensaneignungsprozess in Gang setzt, ist, dass dieser Schritt nicht durch bekannte physikalische Gesetze determiniert ist. Der Determinismus der klassischen Mechanik wird dadurch aufgehoben.

Ist der Versuch, Information zu erhalten, einmal aufgetreten, wird ein Resultat, oder eine Antwort, von die Natur gegeben. In der Quantenmechanik werden diese Resultate durch statistische Regeln vorhergesagt, die Wahrscheinlichkeiten – aber keine absoute Information – für die Antworten auf die gestellten Fragen liefern. Folglich gibt es ein zufälliges Element in der Quantenmechanik, aber dieses wird erst ausgelöst, nachdem die Wahl der Fragestellung durch den Willensakt der Person erfolgt ist. Die Wahl durch die Person ist in diesem Sinne eine „freie Wahl“: Weder ist sie durch mechanistische Gesetze vorherbestimmt, noch vom quantenmechanischen Element des Zufalls beeinflusst.

Sobald die Natur die Antwort auf die Frage spezifiziert hat, kommt es zum dritten und letzten Schritt im Prozess der Wissensaneignung. Dies ist die Aktualisierung eines neu definierten objektiven Zustands der physikalischen Realität. Dieser Zustand repräsentiert in diesem Verständnis der Realität lediglich Möglichkeiten für den zukünftigen Wissenserwerb, und er verändert sich auf natürliche Weise, wenn sich diese Möglichkeiten verändern. Sobald die Natur ihre Antwort gegeben hat, wandelt sich der physikalisch beschriebene objektive Zustand in einen, der mit dem neu erworbenen Wissen kompatibel ist. Demnach hat die freie Wahl seitens des Beobachters Auswirkungen auf die physikalisch beschriebenen objektiven Aspekte der Natur: Die freie Wahl des Beobachters hat objektive physikalische Konsequenzen!

Diese kausale Wirksamkeit der bewussten freien Wahl durch den Beobachter kann herangezogen werden, um ein natürliches, rationales Verständnis zu liefern, wie die willentliche Intention einer Person, eine beabsichtigte körperliche Handlung auszuführen, dazu führt, dass diese beabsichtigte Handlung verlässlich ausgeführt wird.

Kurz, das Ersetzen der Prinzipien der klassischen Mechanik, von denen wir wissen, dass sie fundamental falsch sind, durch jene der Quantenmechanik, liefert eine einfache, natürliche, und rational schlüssige Alternative zu der Vorstellung, dass wir mechanische Automaten sind, getäuscht von der Illusion der Willensfreiheit. Im quantenmechanischen Universum spielen Bewusstsein und Willensfreiheit Schlüsselrollen in der Evolution der Realität.

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