Egotunnel

Unter dem folgenden Link gibt es eine sehr lesenswerte Kritik an dem Buch „Der Egotunnel“ des Bewusstseins-Philosophen und „Neuroethikers“ Thomas Metzinger zu lesen:
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13713
(Dazu muss ich sagen, dass ich den „Egotunnel“ nicht selber gelesen habe, bis auf den Ausschnitt, der unter
http://www.hanjoheyer.de/Aktuelles21.html
von Hanjo Heyer kommentiert ist. Also gehe ich hier davon aus, dass Josef Bordat in seiner Kritik den Inhalt des Buches gut wiedergibt.) Im Grunde ist es eine Kritik an der heute an den Unis üblichen naturalistischen Philosophie der Bewusstseins, die den menschlichen Geist und das Bewusstsein ausschließlich mit Hilfe der empirischen Gehirnforschung erkälren will. Was nicht mit diesem äusserst eng gefassten Erkenntnisinstrument erklärbar ist, wird als nichtexistent (wie die „Seele“) bzw. als unwichtig (wie das „Qualia-Problem“) erklärt. Bordat kritisiert, dass sich die Philosophie auf diese Weise zu Gunsten der Naturwissensschaft selbst aufgibt:

Die unhinterfragte Übernahme der naturwissenschaftlichen Methode als neues Paradigma der Philosophie führt dazu, dass man sich nicht nur an eine Erfolgsgeschichte anhängt, sondern auch das große Problem der Naturwissenschaft erbt, deren Clou ja darin besteht, Fragen, die sie nicht beantworten kann, als „unzulässig“ aus dem Diskurs zu kicken. Das ist gut und richtig, soweit es naturwissenschaftliche Fragen betrifft. Für philosophische Fragen gilt dies (bisher) nicht. Die Begrenzung ist für die Physik wesentlich, für die Philosophie jedoch eine Bankrotterklärung, da diese ja gerade dort beginnt, wo jene endet. In welchen Bereich gehört die Frage nach dem Bewusstsein? Explizit behandelt wird diese entscheidende Metafrage nicht, gleichwohl klar beantwortet – durch die Methodenwahl. Bewusstseinsforschung ist Hirnforschung. Punkt. Die Hirnforschung verfährt mit „Bewusstsein“ naturwissenschaftlich: Was nicht beschreibbar ist, wird als bedeutungslos für das Verständnis von „Bewusstsein“ deklariert, ohne zu sagen, warum es bedeutungslos sein soll.

Ich habe schon an mehreren Stellen in meinem Tagebuch geschrieben, dass die Forderung, dass das gesamte Universum inklusive der darin vorhandenen bewussten Beobachter ein vollständig geschlossenes System ist, das sich nach physikalischen Gesetzen entwickelt, „Physkalismus“ genannt wird. Während der Geisteswissenschaftler Bordat aus philosophischer Sicht argumentiert, gehe ich sogar davon aus, dass der Physikalismus sogar mit der heute anerkannten Physik nicht vereinbar ist. Die Quantentheorie z.B. funktioniert nur dann, wenn der Beobachter außerhalb des Systems existiert, das beobachtet wird.

Warum hält Metzinger dann am Physikalismus fest? Warum geht er nicht auf das Qualia-Problem, den Unterschied zwischen der Erste-Person und der Dritte-Person-Perspektive, die kritischen Argumente gegen den Physikalismus, und verschiedenen Konzepte des Begriffs „Seele“ ein? Dabei ist es doch genau das, was das Volk interessiert: Was kann ein Bewusstseinsforscher dazu sagen, und was nicht? Die Antwort lautet wahrscheinlich: Weil die Geldgeber, die die Forschungsprojekte und Professorengehälter zahlen, andere Interessen haben, als das Volk. „Weltanschaulich neutral“ ist nur der, der die Interessen der Geldgeber bedient. Welche das wären, steht auch in Bordats Aufsatz:

Eine Gesellschaft, die dem Menschen qua Moralinpille bestimmte Bewusstseinszustände aufnötigt (etwa die Freundlichkeit, damit am Arbeitsplatz die Chemie stimmt), die qua Detektoren, die den „Inbegriff von Privatheit“ – unsere Gedanken – nach außen kehrt und zu einer „öffentlichen Angelegenheit“ macht, eine solche Gesellschaft ist die Horrorvision einer totalitären Kontrolldystopie. Dass Metzinger genau damit kokettiert, indem er – mal zwischen den Zeilen, mal ganz offen – Empfehlungen darüber abgibt, welche Bewusstseinszustände wir fördern und welche wir tunlichst aus den Köpfen verbannen sollten, garniert mit Detailanweisungen für einen „weltanschaulich neutralen“ Einheitsmeditationsunterricht beim Sportlehrer („keine Kerzen, keine Glöckchen“), ist nicht gerade ungefährlich. Manch einer mag dies in den falschen Hals bekommen und aus dem, was der Philosoph bedenkt, einen politischen Anspruch erheben, der – im Namen des wissenschaftlichen Fortschritts – umgesetzt werden muss.

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