Wehrpflicht

Ich war immer gegen die Wehrpflicht. Es ist eindeutig ein Eingriff in die Grundrechte: Das Recht der freien Berufswahl und der freien Wohnungswahl wird für die Dienstzeit außer Kraft gesetzt. Vom Prinzip handelt es sich ganz klar um Zwangsarbeit, auch wenn es nicht so genannt wird. Aber der eigentliche Grund, warum die Wehrpflicht, so wie sie in den letzten Jahrzehnten in der BRD praktiziert wurde, untragbar geworden ist, ist eindeutig die nicht mehr vorhandene Wehrgerechtigkeit. Nicht einmal die Hälfte der Wehrpflichtigen wird heute mehr eingezogen, wahrscheinlich wird einfach nur ausgewürfelt, wer noch eingezogen wird und wer gleich zu arbeiten oder zu studieren anfangen darf. Die Frauen müssen so wie so nicht, das ist auch eindeutig eine Ungerechtigheit in einer Gesellschaft, die Geschlechtergleichheit anstrebt.

Während die Wehrpflicht in vielen westeuropäischen Ländern schon vor Jahrzehnten ausgesetzt wurde, wurde sie in der BRD beibehalten; die Frage ist: Wieso? Glaubte denn wirklich irgend jemand an den vermeintlichen „Verteidigungsfall“, in dem die Wehrpflichtigen die BRD verteidigen sollten? Die Antwort ist vermutlich: Nachdem sich das Recht der Wehrdienstverweigerung durchgesetzt hat, und rund die Hälfte der Wehrpflichtigen Zivildienst leistete, wurden die Zivis zu einem wichtigen Bestandteil vieler sozialer Einrichtungen. Sie waren billiger als ausgebildete Fachkräfte und ohne sie wären diese sozialen Einrichtungen in ernste Schwierigkeiten geraten.

Da ich ein Pazifist war und bin, und weil mir ehrlich gesagt vor einem Dienst in der Bundeswehr graute, verweigerte ich damals den Wehrdienst, wie viele meiner Mitschüler auch. Ich schrieb eine Begründung und gab mir sogar noch die Mühe, so gut wie möglich die Gründe zusammenzufassen, aus denen ich den Dienst an der Waffe ablehne. Das meiste davon war sogar ehrlich. Aber: Die Verweigerung wurde abgelehnt mit der Begründung, sie sei nicht ausführlich genug. Darauf schrieb ich einen neuen Text, in dem ich das bisher Geschriebene einfach auf vier DIN-A4 Seiten aufblähte und noch etwas von meiner ach so christlichen Erziehung dazufaselte. Diesmal wurde sie akzeptiert. Ich begann meinen Zivildienst als Pflegehilfskraft in einem großen Klinikum, was für mich der Horror war, und ließ mich dann auf eine Stelle in ein Heim für geistig behinderte Erwachsene versetzen, die mir besser gefiel. Dort konnte ich vielleicht wirklich ein bisschen nützlich sein und erntete sogar etwas Dankbarkeit. Ich habe lange versucht, meiner Zivizeit im Nachhinein einen Sinn zuzuschreiben. Ob es wirklich einen gab, kann ich immer noch nicht beantworten.

Der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe wetterte ständig gegen die Zivis. Die Verweigerer seien zu faul und trauen sich nichts mehr zu, und der Zivildienst sei zu leicht (obwohl damals mit 13 Monaten 3 Monate länger als der Bund). Dabei hatte Rühe selbst nie Wehrdienst geleistet. Ein klarer Fall von Heuchelei also. Aber das ist nichts im Vergleich zu der Heuchelei, die sich unser heutiger „Verteidigungs“-Minister leistet. Immerhin war die BRD damals noch kein Staat, der sich an völkerrechtswidrigen Angriffskriegen beteiligt. Die Kriegsgründe für Afganistan, dass von dort eine Bedrohung für Deutschland ausgeht, sind völlig unglaubwürdig.

Jetzt soll sie also endlich bald ausgesetzt werden, die Wehrpflicht. Ein Schritt in die richtige Richtung? Geht es darum, die Situation junger erwachsener Männer zu verbessern? Nein. Bestimmt nicht. Diese Regierung tut nie etwas für die Bürger um der Bürgen willen, sondern nur für die Reichen und Mächtigen, die ihre Öl-Pipeline in Afganistan bewacht wissen wollen. Hier geht es darum, dass Wehrpflichtige, die nach kurzer Zeit wieder aus der Bundeswehr ausscheiden und ihren eigenen Berufen nachgehen, zu gefährlich geworden sind für eine Armee, die im Ausland Krieg führt. Es besteht die Gefahr, dass sie das, was sie dort über Afganisten erfahren, herumerzählen oder ins Internet stellen. Oder, dass sie ihren länger dienenden Kameraden ins Gewissen reden und Zweifel sähen. Man braucht Profis, die bei Ungehorsam um ihre gesamte Zukunft fürchten müssen.

Und die lieben Zivis? Die sind heute dank Ein-Euro-Jobbern und Lohndumping auch günstig ersetzbar.

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2 Gedanken zu “Wehrpflicht

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