Placebo

Vergangenes Wochenende las ich eine Arbeit des Physikers Henry Stapp (Quelle in englischer Sprache), in der er argumentiert, dass der Placeboeffekt viel besser zur Quantenphysik kompatibel ist, als zum Paradigma der klassischen Physik. Das Bild des Körpers als Maschine passt eher zu letzterem. Danach ist auch die Vorstellungswelt des Menschen nur ein Teil dieser Maschine, die vollständig nach physikalischen Gesetzen im Gehirn abläuft. Etwas nicht-materielles jenseits dieser geschlossenen physikalischen Welt kann es entweder nicht geben, oder selbst wenn es existierte, kann es nicht von außen in das physikalische Geschehen eingreifen. Dieses Paradigma ist immer noch das vorherrschende in der Medizin. Die Philosophen nennen es heute den Physikalismus. Demnach kann etwas nicht-materielles wie die Bedeutung des gesprochenen Wortes, die die Voraussetzung für die Funktionsweise des Placeboeffekts ist, keinen Einfluss auf das Schmerzempfinden des Patienten haben. Da die Wirkung von Placebo jedoch nachgewiesen ist, bringt dies die Vertreter dieses Paradigmas — meistens handelt es sich dabei um Lobbyisten der Pharmaindustrie — in Verlegenheit. Sie versuchen, den Effekt als Kausalkette physikalischer Prozesse darzustellen: Irgendwie geartete Prozesse im Gehirn des Arztes wirken auf dessen Sprachzentrum und führt zur Aussprache von Worten, die über Schallwellen an das Ohr des Patienten gelangen. Dort werden Prozesse im Gehirn der Patienten angeregt, die dann, wie oder warum auch immer, auf die Schmerzrezeptoren wirken, so dass der Schmerz nachlässt. Eine wirkliche Erklärung ist dadurch jedoch nicht möglich, da das Wesentliche dabei gar nicht auftritt, nämlich die Vorstellung im Gehirn des Arztes und des Patienten, dass es sich bei dem materiell eigentlich unwirksamen Placebo um ein Heilmittel handelt.

Das Quantenparadigma dagegen schließt nichtphysikalische Wirkungen auf die physikalische Welt nicht aus. Tatsächlich ist die Quantenmechanik in ihrer lehrbuchmäßigen Form nur dann konsistent, wenn man für den quantenmechanischen Messprozess dem Beobachter des Systems die Wahlfreiheit zugesteht, wie das Experiment durchgeführt wird. Die Messung ist nicht-physikalisch, sie ist selbst nicht Teil des Systems. Andererseits ist das Messergebnis durch den Akt der Messung determiniert. Das nicht-physikalische Bewusstsein des Beobachters wirkt auf die Physik. In diesem Kontext ist der Placebo-Effekt auf eine viel natürlichere Weise verständlich: Die Bedeutung der gesprochenen Worte hat einen Effekt auf den physischen Körper des Patienten. Eine vollständige Erklärung ist dies zwar ebenfalls nicht, aber es geht hier viel eher darum, inherhalb welchen physikalischen Paradigmas der empirisch nachgewiesene Placebo-Effekt überhaupt vorstellbar ist. Tatsächlich weist Stapp immer wieder darauf hin, dass die Physik schon lange Zeit weiß, dass die klassische Physik falsch ist. Trotzdem wird der Physikalismus aus politischen Gründen unter Ignorierung aller empirischer Fakten weiter am Leben gehalten.

Ich glaube auch, dass ein Verständnis der Placebo-Effekts der Schlüssel zum Verständnis der Wirkungsweise der Homöopathie sein könnte, obwohl viele Homöopathen es wohl nicht gerne hören, wenn man die Wirksamkeit der Homöopathie in Zusammenhang mit dem Placebo-Effekt bringt. Es ist durchaus möglich, dass es sich dabei um mehr handelt als nur um Placebo, aber gewisse Ähnlichkeiten in der Wirkweise kann man wohl annehmen. Und selbst wenn es sich nur um Placebo handelt, ist die Homöopathie damit trotzdem wirksam. Deshalb ist die derzeit wieder aufflammende Diskriminierung (im Gegensatz zu sicherlich berechtigter ehrlicher Skepsis) der Homöopathie von „Spiegel“ & Co ungerechtfertigt und der Verdacht drängt sich auf, dass dies nur wieder im Sinne der großen Pharmakonzerne ist.

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